mit einem Restaurator des König-Mátyás-Museums des Ungarischen Nationalmuseums

mit einem Restaurator des König-Mátyás-Museums des Ungarischen Nationalmuseums

Über die Arbeit der Restauratoren wird im Allgemeinen nur sehr wenig gesprochen, obwohl sie es sind, die die bei Ausgrabungen gefundenen Fundstücke schließlich in Ausstellungsobjekte verwandeln und sie für die Nachwelt bewahren.

 

Woran arbeiten Sie gerade?

Derzeit werden die Fundstücke aus den 2024 in Visegrád durchgeführten Ausgrabungen in der Restaurierungswerkstatt des König-Matthias-Museums restauriert.  Die Hauptaufgabe besteht in der konservatorischen Bearbeitung von Keramik, Glas sowie Münzen und Bronzeobjekten, die aus den Bereichen des Salamon-Turms, der Völgyzáró-Mauer, des Sibrik-Hügels, der Festung und des Franziskanerklosters stammen. Die Menge der ausgegrabenen Fundstücke, die an diesen historischen Stätten zutage treten, ist äußerst vielfältig und abwechslungsreich. Mit der Restaurierung verfolgen wir das Ziel, die Kunstgegenstände zu bewahren und ihre Untersuchung sowie wissenschaftliche Auswertbarkeit zu fördern. Die Rekonstruktion, also der Wiederaufbau, ist das Mittel, um das ursprüngliche Aussehen und die formale Darstellung der archäologischen Objekte wiederherzustellen. Von den Ausgrabungsstätten kommen vor allem Keramikfragmente an die Oberfläche. Nach der Reinigung und Sortierung beginnt die Suche nach Teilen, die an den Bruchkanten zusammenpassen, und deren Zusammenkleben. Dieser Vorgang führt nicht immer zur vollständigen Rekonstruktion der Gefäßform, doch in vielen Fällen reichen bereits die Detailprofile oder die auf den Fragmenten sichtbaren Verzierungsspuren aus, um sie zu identifizieren.  Zu den herausragenden Funden der diesjährigen Ausgrabungen zählen auch die Münzen; deren Reinigung und Konservierung ist für die Altersbestimmung der freigelegten Schichten von großer Bedeutung. Aufgrund der Qualität der damaligen Münzprägung und der Jahrhunderte, die sie im Boden verbracht haben, können die Oberflächen von einer dicken Korrosionsschicht bedeckt sein, die oft nur mit Hilfe eines Mikroskops und durch geduldiges Reinigen entfernt werden kann.

 

Was lässt sich aus der Sicht eines Restaurators über den Zustand und die Unversehrtheit des sensationellen Fundes von Benedetto da Maiano sagen?

Tatsächlich schlägt auch das Herz eines Restaurators ein wenig schneller, wenn er auf einen solch sensationellen Fund stößt.
Routinemäßige Maßnahmen zum Schutz von Kunstwerken erfordern in solchen Fällen noch umsichtigere und noch sorgfältiger durchdachte Vorgehensweisen.  An erster Stelle steht die Bestimmung der Materialzusammensetzung, woraufhin die Reinigungsreihenfolge entsprechend festgelegt wird. Soweit möglich wenden wir das für das Objekt schonendste Verfahren an, da wir die kulturellen Informationen, die die Schnitzereien enthalten, bewahren möchten. Die Fragmente aus weißem Marmor, die einst den Altar der Franziskanerkirche schmückten, wiesen physische Schäden auf, die auf Zerstörung und Verwüstung zurückzuführen sind. Die mittelalterliche Krypta der Kirche hat uns jedoch mehrere Details dieses wertvollen Kunstwerks bewahrt. Nach der Bergung gelang es, die an der Oberfläche haftenden Erdverunreinigungen zu entfernen, solange diese noch feucht waren. Durch die Nassreinigung wurde zwar der größte Teil der Ablagerungen beseitigt, doch an einigen Stellen hielt sich ein harter, kalkhaltiger Belag hartnäckig an der Oberfläche. Durch eine lokal angewendete, milde Essigsäurebehandlung gelang es jedoch, diese Ablagerungen erfolgreich zu lösen. Im Zuge der Reinigung konnten auch jene bemalten Schichten freigelegt und erhalten werden, die auf die ursprüngliche Anordnung der Altarfragmente hindeuten könnten.

 

Haben Sie einen Lieblingsbereich?

Herausfordernde Objekte sind mir immer besonders am Herzen, da es darum geht, aus Zerbrochenem, Unvollständigem und teilweise Zerstörtem authentische Kunstwerke zu rekonstruieren. Als Silikat-Restauratorin umfasst meine Arbeit größtenteils die Rekonstruktion von Keramikobjekten. Einer der ersten Schritte des Verfahrens ist das Sortieren von Hunderten von Fragmenten, gefolgt vom Zusammenkleben der Teile, die an den Bruchkanten zusammenpassen. Durch das Auffüllen der Lücken mit Gips erhalten wir die ursprüngliche Form, die dadurch vermessbar und wissenschaftlich auswertbar wird.

Neben den sogenannten Formgefäßen bilden die Bestandteile mittelalterlicher Heizvorrichtungen – die Ofenkachelfragmente – eine eigene Objektgruppe, die zu den wertvollsten Funden der Ausgrabungen zählt.  Wir können uns glücklich schätzen, dass in Visegrád über Jahrhunderte hinweg verzierte Kachelöfen die Gebäude beheizten. Die winzigen Teile der zerstörten Öfen kommen jedoch meist nur fragmentarisch oder unvollständig an die Oberfläche, weit entfernt von ihrem ursprünglichen Einbauort und verstreut. Es ist eine seltene Ausnahme, wenn der archäologische Ausgräber an einer einzigen Stelle auf die zusammengebrochenen Teile eines Ofens stößt.  Bei den 1991 im nordwestlichen Innenhof des Königspalasts durchgeführten Ausgrabungen wurde eine große Menge an Fragmenten eines Kachelofens aus der Zeit König Matthias’ freigelegt. Die Zahl der zerbrochenen Stücke, die mit grüner Glasur überzogen und mit Wappen sowie Figuren von Rittern verziert waren, belief sich auf fast tausend. Es war eine spannende Aufgabe, sie wieder zusammenzukleben, zu ergänzen und die einzelnen Kacheltypen zu rekonstruieren.  Das Modell des kompletten Ofens ist bis heute in der Dauerausstellung des König-Matthias-Museums zu sehen.

 

Hat ein Restaurator mit Glas, Ziegeln oder anderen Fundstücken die größten Schwierigkeiten?

Es ist schwer zu bestimmen, was uns die größten Schwierigkeiten bereitet, da dies vor allem vom Grad der Zersetzung der einzelnen Objekttypen abhängt. Die unter der Erdoberfläche verbrachte Zeit übt einen extrem starken physikalischen und chemischen Einfluss auf die Fragmente aus. Die Bodenfeuchtigkeit führt eine große Menge an hydratisierten Salzen zu den Fragmenten, die bei der Bergung sogar zur Zerstörung des Artefakts führen können. In solchen Fällen müssen die Fundstücke dringend konserviert werden, und erst danach kann mit der Reinigung begonnen werden.  Glasgegenstände sind dem physikalischen Druck des Bodens besonders ausgesetzt, da es sich um äußerst zerbrechliche Objekte handelt, die aufgrund ihrer geringen Wandstärke in winzige Stücke zerbrechen. Das Zusammenkleben ist in diesem Fall etwas schwieriger, da die Glasfragmente leicht aufeinander verrutschen. Die Zusammensetzung wird zunächst durch ein provisorisches Klebeband an der Oberfläche gesichert; nachdem wir uns vergewissert haben, dass die Passung exakt ist, tragen wir den endgültigen Spezialkleber auf die Bruchfläche auf. Komplexe Bearbeitungsverfahren erfordern jene Fundtypen, die einst durch das Aneinanderlegen verschiedener Materialien hergestellt wurden. Die mit Intarsien und Perlmutt verzierte Oberfläche eines Rosenkranzkreuzes aus dem 18. Jahrhundert, das aus einem Grab stammt, sowie die umschließende Kupferverkleidung erfordern unterschiedliche Reinigungs- und Konservierungslösungen. In solchen Fällen ist eine zerstörungsfreie Trennung der richtige Weg, um eine gezielte Behandlung entsprechend der Materialzusammensetzung durchführen zu können.

 

Gibt es ein Werk von Ihnen, auf das Sie – sei es wegen seiner Seltenheit oder wegen seines Endergebnisses – besonders stolz sind?

Jeder Objekttyp, den es gelingt zu retten oder in einen Zustand zu versetzen, der dem Original nahekommt, erfüllt uns mit Freude, denn dank der Restaurierung können wir ihren Zustand stabilisieren und durch ihre Untersuchung sowie technische Beobachtungen der Herstellungsweise Einblicke in die materielle Kultur der jeweiligen historischen Epochen gewinnen.  Im Rahmen von Ausstellungen, ergänzt durch erklärende Texte, kann auch das Besucherpublikum diese Objekte besichtigen.

 

Auf welche Fundstücke stoßen Sie in Visegrád am häufigsten?

Visegrád und seine Umgebung bieten hinsichtlich des Fundmaterials ein äußerst vielfältiges Bild. Um nur einige Beispiele zu nennen: Keramikurnen aus der Bronzezeit, Fundstücke aus der Römerzeit, Haushaltsgefäße aus dem frühen Mittelalter oder mittelalterliche Ziergefäße.  Die Häufigkeit hängt stets mit der Epoche des an der Ausgrabungsstätte freigelegten Siedlungsabschnitts oder Objekts zusammen.  Da Fundstücke aus organischen Materialien unter der Erde leider verrotten, dominieren im Fundmaterial vor allem Keramik-, Metall- und Knochenobjekte.

 

Gibt es einen Fund aus Visegrád, den man (auch) dank seines glücklicherweise guten Erhaltungszustands fast in einen „neuwertigen” Zustand versetzen konnte?

Der Zustand jeder Fundgruppe hängt von den Bedingungen ab, unter denen sie über Jahrhunderte hinweg im Boden lag. Der Kachelofen aus der Zeit König Matthias’ wurde in einem zuvor relativ unberührten Bereich des Königspalasts entdeckt.  Als das mittelalterliche Gebäude verfiel, stürzte der Ofen zusammen mit den Wänden und den Innengewölben in die Trümmer. Das Gebäude wurde zwar in der Barockzeit umgebaut, doch der Großteil der Kachelfragmente blieb davon unberührt. Der außergewöhnliche Fund kam 1991 wieder ans Tageslicht; nach der Bergung erfolgte in der Restaurierungswerkstatt zunächst die Sortierung und anschließend das Zusammenkleben. Dieses spannende Puzzlespiel brachte die großflächigen Elemente der Ofenkacheln zum Vorschein.  Das Hauptmerkmal mittelalterlicher Kachelöfen besteht darin, dass die horizontalen Reihen des eckigen Unterbaus und des turmartigen Oberteils aus abwechselnd eingearbeiteten Kacheln gleicher Größe und mit identischem Muster bestanden. Dank dessen finden sich unter den Trümmern des eingestürzten Ofens viele identische Fragmente, die sich plastisch gegenseitig ergänzen. Ziel der Gipsergänzungen am Modell war es, unter Einbeziehung der Originalfragmente aus jedem Typ ein Musterexemplar anzufertigen, das als Grundlage für die Vervielfältigung oder die Anfertigung von Kopien dienen kann. Anhand der Größen-, Form- und plastischen Eigenschaften der restaurierten Ofenkacheln wurde das Gesamtgewicht der Heizanlage dargestellt.

 

Inwieweit darf der Restaurator seiner Fantasie freien Lauf lassen, wenn er etwas aus Fragmenten rekonstruieren muss? Wie können wir uns einen solchen Prozess vorstellen?

Aus ethischer Sicht ist Authentizität eine strenge Anforderung bei der Restaurierung von Kunstwerken. Eine gefälschte oder nicht belegbare Rekonstruktion kann eine Reihe von Missverständnissen auslösen.  Bei Formgefäßen werden fehlende Teile nur dann ergänzt, wenn das vollständige Profil eindeutig erkennbar ist. Die Grundlage für die Rekonstruktion von Ofenkacheln ist stets das Originalfragment.  Eine praktikable Methode zur Ergänzung unvollständiger, fragmentarischer Kacheln ist die Verwendung von Kopien, die anhand analoger Stücke angefertigt wurden. Tatsächlich konnten zahlreiche Ofenkacheln mit gotischen Mustern nur anhand einiger weniger kleiner Fragmente rekonstruiert werden. Die mit geschnitzten, geometrischen Formen verzierten Exemplare wurden einst mit Hilfe von Konstruktionsverfahren hergestellt, weshalb sich die genaue Position der Originalstücke mithilfe einer maßstabsgetreuen Zeichnung erneut bestimmen lässt. Bei der Durchführung der Rekonstruktion verwenden wir Gipsmodelle, die sich entsprechend der gewünschten Form modellieren, schnitzen und bemalen lassen. Ein stets sehr wichtiger Aspekt bei der Restaurierung ist die Möglichkeit der Rückgängigmachung; zu diesem Zweck verwenden wir ausschließlich Konservierungs-, Kleb- und Ergänzungsmaterialien, die jederzeit von den Objekten entfernt werden können.

 

Erzählen Sie uns doch ein wenig über Ihre beruflichen Anfänge: Wie sind Sie Restaurator geworden, und wann haben Sie begonnen, sich für die Archäologie zu interessieren? 

Schon während meiner Gymnasialzeit habe ich im Rahmen von Sommerjobs im Museum von Visegrád gearbeitet; vielleicht reifte damals der Gedanke in mir heran. Kurz nach meinem Abitur kam ich in die Restaurierungswerkstatt des Museums von Visegrád. Schließlich stellte mich Miklós Héjj, der damalige Direktor des König-Mátyás-Museums, als Restauratorenassistent ein. Später hatte ich die Möglichkeit, zunächst einen Grundkurs und anschließend eine Fachausbildung zum Silikat-Restaurator zu absolvieren.

Alle meine hier tätigen Fachkollegen waren unendlich hilfsbereit und haben ihre Erfahrungen und ihr Wissen stets mit mir geteilt. Die von ihnen geretteten Kunstwerke sind bis heute die Hauptattraktionen der Ausstellungen.
Ich muss auf jeden Fall Pálné Scheili und Éva Szőke sowie Imre Tavas erwähnen, der leider nicht mehr unter uns ist.

Wir bedanken uns ganz herzlich dafür, dass Sie diese Fülle an spannenden Informationen mit uns geteilt haben und dass wir durch dieses Gespräch der Welt der Restauratoren, über die so selten gesprochen wird und die Außenstehenden kaum bekannt ist, ein Stück näher gekommen sind.  

 

6. August 2024.

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