Visegrád Gedanken zum Kaffee – neben dem Kaffee…
Bücher. Briefe. Notizen. Alte Postkarten. Fotos aus den Zwanzigern, die modernere Seelen längst für gelöscht hielten, in einem irgendwo gespeicherten Ordner. In letzter Zeit drängt irgendwie alles aus den Tiefen der Schubladen, der Festplatten und vom Grund staubiger Pappkartons hervor. Oft muss man gar nicht erst danach suchen. Wir sitzen, in unsere Gedanken versunken, draußen herrscht noch immer eine seltsame, wenn auch immer weniger ungewöhnliche Stille, in unseren Händen der abgekühlte Kaffee, vor uns auf dem Tisch und drumherum der ganze Krimskrams, und dann liegt da plötzlich ein Brief aus dem Jahr 1993; ein schreckliches Brötchenrezept aus den frühen 2000er Jahren; die Ersatzknöpfe eines längst zerrissenen und dann verschwundenen Mantels, eingewickelt in ein Stück Nylon – unzählige kleine Belanglosigkeiten. Sie umgeben uns und lassen uns keine Ruhe.
Natürlich können wir in den Hof hinausgehen, dem Hund ein bisschen den Ball zuwerfen, noch einmal kehren oder uns in der Jacke auf die Terrasse setzen. Das Wetter ist klar. In Visegrád ist es ruhig. Da kann man gut nachdenken.
Und dann taucht, wie es nun einmal so ist, innerhalb weniger Minuten die Zitadelle in unserem Blickfeld auf.
Das ist immer so, und zwar so sehr, dass wir gar nicht mehr darauf achten. Hier wird es vielleicht gerade von einer Mauer verdeckt, oder von dort unter dem Walnussbaum ist es gar nicht zu sehen, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihr euch wieder erblickt. Ein seltsamer Nachbar. So beständig wie der Mond oder die Sterne.
1009. König Stephan erwähnt in seiner Schenkungsurkunde an das Bistum Veszprém eine Burg, die sich in einem Ort namens Visegrád befindet. Zu diesem Zeitpunkt lagen der Glanz und der Untergang Roms bereits lange hinter uns, und die Burg, die der heilige Stephan erwähnt, ist die spanische Burg, die an der Stelle der einstigen römischen Festung emporragt. Die Römer waren hier. Dann verschwanden sie. Visegrád blieb.
1221. Papst Honorius III. erwähnt in einer Urkunde griechische Mönche, die bereits seit geraumer Zeit in Visegrád in ihrem Kloster tätig sind, das von Andreas I. gegründet wurde. Eine blühende Kultur, eine wunderschöne Landschaft. Noch zwanzig Jahre…
1241–42. Der Tatarenfeldzug verwüstet das Land. Auch das Schicksal von Visegrád ist besiegelt. Um es mit einer gängigen Redewendung zu sagen:
„Die Stadt wird zerstört.” Für immer?
1250er Jahre. Kaum zehn Jahre nach der Verwüstung sind Béla IV. und seine Frau von der Landschaft völlig beeindruckt. Sie beschließen, das wiederherzustellen, was der Tatarenfeldzug zerstört hatte, und errichten ein prächtiges Burgenensemble an dem auch heute noch als „Várhegy“ bekannten symbolträchtigen Ort.
1320. Karl I. errichtet in Visegrád eine selbst im weltweiten Vergleich außergewöhnliche Residenz und setzt damit fort, was Béla IV. begonnen hatte. Unter der Herrschaft der Anjou blüht die Stadt auf und wird Mitte des Jahrzehnts zum Schauplatz eines der bedeutendsten Ereignisse der damaligen europäischen Wirtschaft und des Handels (Königstreffen von 1335). Karls Sohn, Ludwig der Große, bewahrte später sowohl die Heilige Krone als auch die polnische Krone hier in der Festung auf.
Ab 1476 widmete auch König Matthias Visegrád besondere Aufmerksamkeit; ein Großteil der Legenden der Stadt, die jedem Ungarn wohlbekannt sind, stammt aus dieser Zeit. Die im Zentrum der Donauschleife gelegene königliche Residenz wurde zu einem der europäischen Höhepunkte der Spätgotik und der Renaissance. Kunst, Literatur, Wissenschaft und Kultur waren untrennbar mit Visegrád verbunden. Davon zeugen auch die Erinnerungen von Bonfini.
Die 150-jährige türkische Herrschaft bedeutete schließlich das Ende von Visegrád. Das Burgsystem wurde zerstört, die übrig gebliebenen Ruinen wurden für kleinere Bauprojekte in der Umgebung abgetragen. Die einst so angesehene und adelige Bevölkerung der Stadt floh, das Gebiet entvölkerte sich vollständig. Das einst ein halbes Jahrhundert lang prächtige Visegrád wurde buchstäblich vom Unkraut überwuchert, und die Natur holte sich all das zurück, was vor vielen, vielen Jahrhunderten noch die Garnisonen der Provinz Pannonia am Donauufer zu errichten begonnen hatten. Erst später, in den 1700er Jahren, kamen auf Einladung Maria Theresias deutsche Siedler in die Gegend.
War das wirklich schon alles? [Ein Schluck kalter Kaffee, ein Bissen von einem trockenen Brötchen. Egal, bald ist sowieso Mittag…]
Was ist das da oben? Eine Erinnerung? Eine Rekonstruktion? Ein Memento dafür, dass „die Burg von König Karl einst so ausgesehen haben könnte”? Wäre das alles gewesen, wäre das alles, was das Ganze ausmacht? Ein Panoptikum? Nein. Ganz sicher nicht…
Jahr für Jahr besuchen Millionen diese einst weltberühmte Gegend, die heute trotz ihres Stadtstatus nur eine Kleinstadt mit knapp 2000 Einwohnern ist, die jedoch ihrer Vergangenheit so treu bleibt – all dem, was aus den alten Mauern, den alten Mauern und dem Pilis-Gebirge ausstrahlt, dass seine Bewohner – genau wie ihre Vorfahren – genau wissen, dass Visegrád ewig ist und dass das, was die Geschichte ihnen – uns – hier hinterlassen hat, einzigartig, unübertrefflich und, was am wichtigsten ist: lebendig ist. Denn „selbst in 150 Jahren sind wir keine Türken geworden.” Denn auch wenn wir uns jetzt zurückziehen, zur Ruhe kommen und akzeptieren müssen, was die Kräfte der Natur derzeit über die Welt bringen – Visegrád bleibt uns – euch – erhalten, mit der lebendigen Erinnerung an die Großen der Vergangenheit, der Unvergesslichkeit der Landschaft, also höchstwahrscheinlich mit all dem, was auch die Größten unserer Geschichte über tausend Jahre hinweg immer wieder in ihren Bann gezogen hat, als sie mit dem Schiff, mit dem Wagen oder gerade auf der Jagd zum ersten Mal den Boden von Visegrád betraten.
Tourismus- und Marketingverein Visegrád und Umgebung
2022.05.20.



