Interview mit Imre Dobri, Literaturhistoriker, Kritiker und Redakteur

Interview mit Imre Dobri, Literaturhistoriker, Kritiker und Redakteur

 

Wo hat bei dir das Interesse an Kultur und Kunst seinen Anfang genommen?
Gab es eine Art große Erkenntnis oder ein prägendes Erlebnis, das dich in diese Richtung gelenkt hat, oder war es einfach nur eine innere Stimme, der du gefolgt bist?

Das war eigentlich eine familiäre Inspiration, da meine Eltern sehr gerne lasen und eine umfangreiche Bibliothek zusammengetragen hatten, die aus der Sicht eines Kindes geradezu riesig wirkte, weil wir in unserem Haus überall von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften umgeben waren. Ein ständiges Problem in unserer Familie war die Frage, wohin wir die unzähligen Bücher stellen sollten, die zwischen allerlei Kisten und immer neuen Regalen hin und her wanderten – so wie wir auch heute noch versuchen, das Unmögliche zu vollbringen, nämlich sie nach einer Hausrenovierung neu zu ordnen. Ich bin im Jagdhaus in Apátkút aufgewachsen, könnte man sagen, zwischen Büchern und Bäumen oder zwischen Bäumen und Büchern – die Reihenfolge spielt keine Rolle, denn von beidem gab es reichlich, das heißt, von beidem gab es Unmengen, und obendrein wächst und verändert sich die Bibliothek ständig, wie der Wald. Und es gibt darin immer wieder Neues zu entdecken, ein unerschöpflicher Schatz. Außerdem bin ich von Natur aus neugierig, deshalb habe ich schon im Kindergartenalter von selbst lesen gelernt, so sehr haben mich Buchstaben, Wörter und Sätze interessiert. Seit ich mich erinnern kann, lese ich, und es ist allein der Gnade des Schicksals zu verdanken, dass ich als Erwachsene Literaturwissenschaft studieren durfte und mich in meiner derzeitigen Arbeit mit Literatur und Kunst beschäftigen kann.

Was hat Visegrád für dich in deiner Kindheit bedeutet, und was bedeutet es heute?

Visegrád bedeutet mir nicht nur wegen meiner persönlichen Verbundenheit sehr viel – alles beginnt mit der Familie, denn ein Großteil meiner Vorfahren hat hier gelebt und ist hier begraben, von meinen Eltern bis hin zu meinen Ur-Ur-Urgroßeltern wurden alle in der Kirche von Visegrád getauft, ebenso wie mittlerweile auch mein Sohn; daher gehören wir ganz einfach hierher – dies ist unser Zuhause, für die Lebenden ebenso wie für die Verstorbenen. Und wer hier aufgewachsen ist, bleibt ein Visegráder, auch wenn das Schicksal ihn gerade einmal anderswohin führt. Wir leben nicht irgendwo, aber darüber, was das alles bedeutet, könnte ich stundenlang erzählen; daher möchte ich jetzt nur ein paar Dinge erwähnen, die mir in letzter Zeit immer wieder in den Sinn gekommen sind.

Zunächst einmal bedeutet Visegrád eine andere Dimension in Raum und Zeit: Es ist eine Binsenweisheit, dass uns hier die Vergangenheit ganz dicht umgibt, und das spürt jeder sofort, egal wohin man sich in der Stadt begibt. Als Kind habe ich das so erlebt, als wäre ein lebendiges Geschichtsbuch für uns zu einem unendlichen Spielplatz geworden. Natürlich verstehen wir erst als Erwachsene, dass die erhaltenen Spuren der Geschichte, die mit uns lebt – seien es die Wachtürme oder die Ruinen des Königspalasts – aber auch das schwäbische Erbe unserer Familien, an den tiefgründigen und vielfältigen Reichtum unserer gemeinsamen Vergangenheit erinnern, zugleich aber auch an die unvermeidliche Vergänglichkeit all dessen. Darüber hinaus offenbart uns der Wald, der uns alle umgibt, im Kreislauf der Natur etwas von der Ewigkeit. Wie Onkel Laci Madas damals sagte: „,”Was auch immer geschieht, die Wälder von Pilis werden auch im nächsten Frühjahr wieder grün werden!“ Deshalb können wir als Einwohner von Visegrád die Welt aus einer wunderbaren doppelten Perspektive betrachten: zugleich aus der Weite einer mehrere tausend Jahre alten Geschichte und aus der Gewissheit des ewigen Wandels der Natur, ihrer Beständigkeit, die sich immer wieder neu erschafft. Das heißt, wir leben mit einer zutiefst alten Vergangenheit zusammen, und dabei haben wir bisher nur von der zeitlichen Dimension dieser Landschaft gesprochen, ohne ihre räumlichen Besonderheiten zu erwähnen, obwohl sie ein perfektes Beispiel für den Begriff der Kulturlandschaft ist. Um ein Naturbild zu verwenden: Unsere Landschaft gleicht einer historischen Korallenformation: Jede ihrer Erhebungen erzählt von der Vergangenheit.

Und für mich ist vor allem die sprachliche Ebene all dessen besonders wichtig, die sich in den Namen der Orte widerspiegelt – man denke nur an den Ördögmalom-Wasserfall oder die Erdőanyai-Wiese, was für poetische Namen!

All dies ist natürlich ein reichhaltiges Erbe, für das wir Verantwortung tragen. Ich hatte das Glück, einige Jahre lang im König-Mátyás-Museum als Museumspädagogin sowohl Kindern als auch Erwachsenen etwas davon vermitteln zu dürfen, und nach 2006 durfte ich eine Legislaturperiode lang als Stadtrat, als Vorsitzender des Kulturausschusses und schließlich als stellvertretender Bürgermeister für die Stadt tätig sein. Persönlich halte ich mich an das Sprichwort, dass nur tief verwurzelte Bäume bis in den Himmel wachsen. Das bedeutet zum einen, dass unser kulturelles Erbe ein untrennbarer Teil unserer Identität ist. Ein Baum, der seine Wurzeln verloren hat, verdorrt hingegen und wird vom Wind umgeworfen. Ich könnte auch sagen, dass wir alle nur ein einzelnes Blatt am Lebensbaum unserer Familie sind, aber unser Leben beziehen wir aus den Wurzeln. Das Aufeinanderfolgen der Generationen symbolisiert übrigens auch die Skulptur „Lebensbaum“ von Tamás Vígh am Donauufer, die wir anlässlich der Millenniumsfeierlichkeiten 2009 eingeweiht haben, allerdings auf ganz Visegrád ausgeweitet, auf jeden, der jemals hier gelebt hat und in Zukunft leben wird. Andererseits gilt das vorgenannte Sprichwort auch dafür, dass wir nur durch vertieftes Lernen etwas wirklich kennenlernen können; aus oberflächlichem Wissen entsteht kein echtes Wissen.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Es läuft alles auf dasselbe hinaus: Visegrád ist für die Einwohner von Visegrád schlicht und einfach nichts anderes als der Mittelpunkt der Welt. (So wie natürlich auch die Bewohner jeder anderen Ortschaft ihre eigene kleine Welt im Mittelpunkt haben, aber das soll deren Sache sein.) Außerdem haben wir dafür sogar eine greifbare Gewissheit: Hier in der Donauknie tritt nämlich das seltsame Phänomen auf, dass die Nordspitze der Szentendrei-Insel nach Süden zeigt, und zwar gleichzeitig unterhalb von Visegrád – denn dorthin fließt die Donau – und über Visegrád – denn das liegt ja doch nördlich von uns. Abgesehen vom Scherz ist das übrigens wahr, jeder kann es auf der Karte nachsehen.

In einem 2021 veröffentlichten Artikel schreibst du im Zusammenhang mit den jährlich stattfindenden Führungen des König-Matthias-Museums in Visegrád, die sich auf die aktuellen Ausgrabungen beziehen, dass “Dies ist nicht ausschließlich ein Fachprogramm, sondern richtet sich gerade im Falle der Ausgrabungen auch an das lokale Publikum, da viele Anwohner Interesse an der Erforschung der Vergangenheit ihrer eigenen Gemeinde haben.” Empfindest du das Interesse der Bevölkerung von Visegrád an der Lokalgeschichte als besonders ausgeprägt? Handelt es sich um einen Trend, der Anlass gibt, das Bedürfnis der Menschen von heute nach einer Verbindung zur Vergangenheit positiv zu bewerten?
Als Redakteur von „Kortárs Online“ war für mich in den letzten Jahren eine der zentralen Fragen, wie sich Kultur- und Kunstzeitschriften in dieser sich rasch wandelnden Welt behaupten können und wie sie mit dem immer schnelleren Wandel des Online-Raums und der Lesegewohnheiten Schritt halten können. In diesem Zusammenhang habe ich mich mit den neuesten Trends verschiedener Kulturinstitutionen, wie beispielsweise Museen, beschäftigt, da die Veränderungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie in den letzten Jahren zu einer spektakulären Erneuerung in diesem Bereich geführt haben.

Die Museumswelt steht an sich schon vor vielfältigen Herausforderungen, denn sie steht durch die Bewahrung und Präsentation der Werte der Vergangenheit für eine Art Beständigkeit, was wiederum in krassem Gegensatz zu den Massenbedürfnissen steht, die durch die Erfahrungen der Instant-Unterhaltungsindustrie geprägt sind und schnelle Eindrücke verlangen. Das Museum ist ein „langsames Genre”, doch darin liegen große Werte verborgen. In jenem Artikel schrieb ich, dass das Museum der Zukunft seinen eigenen Wert als Ort der Vertiefung und des fundierten Wissens bewahren kann – im Gegensatz zur Oberflächlichkeit der flüchtigen Aufmerksamkeit. Heute ist es eine Grundvoraussetzung, dass es auf unterhaltsame Weise lehrt, ohne dabei Abstriche bei der Qualität zu machen. Ich schrieb auch, dass „das Museum des 21. Jahrhunderts weder eine Insel noch ein abgeschottetes Kloster ist, sondern ein offener, ja dank der Digitalisierung mittlerweile sogar wandloser Kulturraum.” Die Frage ist, wie man der Sterilität der Virtualität Authentizität entgegenstellen kann, und darauf gab es zahlreiche Antworten – von Interaktivität und der persönlichen Einbindung der Besucher über lebendige historische Führungen, bei denen die Vergangenheit greifbar erlebt werden kann, bis hin zu den Möglichkeiten des „umgedrehten Museums”, bei dem den Besuchern die Lagerräume und die Restaurierungswerkstatt zugänglich gemacht werden, oder wie es das König-Matthias-Museum in Visegrád mit seinen Ausgrabungsführungen tut. Dabei ist es am wichtigsten, dass die Einheimischen spüren, dass das Museum nicht in einem luftleeren Raum existiert, sondern unsere gemeinsame Vergangenheit erforscht – all jene Geschichte, die hier im Boden unter unseren Füßen verborgen liegt.

Um auf deine Frage einzugehen: Ich würde nicht die Verbindung zur Vergangenheit hervorheben, sondern vielmehr die gemeinschaftsstiftende Kraft solcher Veranstaltungen. Durch solche Veranstaltungen kann jeder erleben, dass die Werte einer Gemeinde keineswegs selbstverständlich sind, dass sie nicht einfach so da sind, sondern der mühevollen und aufopferungsvollen Arbeit konkreter Menschen zu verdanken sind. Das gilt ebenso für das Museum wie für den Parkwald, aber noch mehr für die zivilgesellschaftlichen Gemeinschaften, so wie beispielsweise der Sándor-Verein aus Sopron die Festung in Gizellamajor wieder zum Leben erweckt oder der Verein „Rosen von Visegrád“ die Straßen zum Blühen bringt, oder wie die Selbstverwaltung der ethnischen Minderheiten das Heimatmuseum mit Leben erfüllt. Ich könnte noch viele weitere Beispiele nennen – bitte entschuldigen Sie, wenn ich viele davon jetzt nicht namentlich erwähne –, aber das Wichtigste ist, dass wir uns bewusst machen: Visegrád besteht nicht aus den Straßen und Häusern, noch die Summe der Ruinen und Berge ist, sondern wir alle zusammen, und es hängt allein von uns ab, wie wir es gemeinsam gestalten. Das heißt, auch die Lokalgeschichte ist keine von uns getrennte Vergangenheit, sondern wird gemeinsam mit uns geschrieben – denn für unsere Enkelkinder werden schon wir selbst einmal Geschichte sein.

Darvasi, Domokos Szilágyi, Imre Oravecz – um nur einige der Autoren zu nennen, deren Werke die Themen deiner frühen Konferenzvorträge und Studien prägten. Dein Interesse an zeitgenössischer Literatur war also bereits ganz am Anfang deiner beruflichen Laufbahn vorhanden. Wie bist du zu ihnen gekommen? Die meisten von uns beschäftigen sich jahrelang mit den Autoren der klassischen Moderne oder sogar mit früheren Epochen, bevor wir uns weiter auf der Zeitachse vorwagen. Wie war das bei dir?

Tatsächlich ist die jüngste ungarische Literatur gerade aus literaturgeschichtlicher Sicht für mich besonders interessant geworden, da sie Ende des 20. Jahrhunderts und zur Jahrtausendwende eine völlig neuartige Erneuerung zahlreicher, scheinbar unumstößlicher Traditionen angestoßen hat. Auch die zeitgenössische Literatur existiert in ihrer eigenen Geschichtlichkeit, und oft ist es gerade das Spannendste daran, wie sie ihre eigenen Vorläufer neu interpretiert, wie sie die Kunst früherer Epochen aufgreift oder zum Klingen bringt. Dafür ließen sich unzählige Beispiele anführen: Man denke nur daran, wie János Háy in seine durchaus moderne „Passion“ Zeilen aus der altungarischen Marienklage einwebt und damit den Gebetstext des zeitgenössischen Dramas geradezu zeitlos macht, während in den Werken von Péter Esterházy die gesamte literarische Tradition Mitteleuropas von Péter Pázmány bis etwa Hrabal präsent ist. Für mich existiert die zeitgenössische Literatur also nicht isoliert, sondern ausschließlich im Kontext der gesamten ungarischen Literaturgeschichte. Jedes Gedicht und jeder Roman fügt sich in eine bestehende Tradition ein, sei es, indem es diese erneuert, sei es, indem es sich scharf gegen sie wendet. Und natürlich schichten sich in jedem Werk immer neue Schichten verschiedener Epochen übereinander, doch aus historischer Sicht ist die Literatur der Nachwelt lediglich dazu in der Lage, einen Dialog mit früheren Werken zu eröffnen und klassische oder sogar vergessene Werke in ein ganz neues Licht zu rücken.

Meine erste veröffentlichte Studie befasste sich gleich mit einem Werk von László Darvasi, und darin untersuchte ich, mit welchen poetischen Mitteln er eine ansonsten durchaus faszinierende Sprachwelt aufbaut. Seitdem schreibe ich über solche und ähnliche spannende Kleinigkeiten, sei es nun die Prosa von Imre Kertész oder László Krasznahorkai, die Lyrik von Imre Oravecz oder Balázs Szálinger – doch auch meine Fotokritiken versuchen, die Freude am Entdecken und Verstehen zu vermitteln.

Auch wenn es angesichts der Erkenntnisse aus den Seminaren mit József N. Pál nicht schwer vorstellbar ist, wie das Interesse der Studierenden am Sport immer größer wird, selbst wenn es in den ersten Augenblicken im Grunde genommen gleich Null ist, doch in deinem Fall ist die Erforschung der Verbindung zwischen Sport und Literatur mittlerweile eine fast ein Jahrzehnt währende Leidenschaft. Bitte erzähl uns davon. 

Das ist wieder einmal ein unerschöpfliches Thema, über das ich nur schwer kurz sprechen kann. Tatsächlich gehört die Sportlyrik zu meinen persönlichsten literarischen Themen, und innerhalb dieser Kategorie beschäftigt mich vor allem die Erforschung von Fußballgedichten – von Ernő Szép über Attila József und Dezső Tandori bis hin zu Dániel Varró. Ich habe Fußball schon immer geliebt, doch eine ganz andere Art von Leidenschaft für den Sport hat mich erst in Madrid wirklich berührt, wo die Spanier jedes einzelne Spiel tatsächlich als eine Frage von Leben und Tod erleben – und darüber hinaus bin ich dort auch auf eine ausgesprochen interessante Fußballlyrik gestoßen. Wer hätte gedacht, dass der spanische Dichter Rafael Alberti ein Gedicht mit dem Titel „Ode an Platkó“ geschrieben hat, das dem Torwart Ferenc Plattkó gewidmet ist?  Aus literarischer Sicht interessiert mich vor allem, was die Poesie über den Fußball, dessen Erleben, das Spiel und das Anfeuern, den Wettkampf und die damit untrennbar verbundenen Leidenschaften offenbart. Dazu gehört auch die Frage, was sich hinter der Popularität des Fußballs verbirgt – sei es um die Jahrhundertwende, als der Profifußball entstand, oder um die Jahrtausendwende, als der ungarische Fußball gerade eine miserable Phase durchlebte. Und vor allem: Welche lyrische Sprache schafft die Poesie des Fußballs, und inwiefern kann die analytische Auseinandersetzung mit dieser Sprache und der darin widerspiegelten leidenschaftlichen Beziehung unser Selbstverständnis fördern?

Dahinter verbirgt sich der mittlerweile schon zu einem Klischee gewordene Gedanke, dass Fußball nicht einfach nur ein Sport ist, sondern weit mehr als das. Für den jeweiligen Zuschauer ist er beispielsweise eine lebendige Kunstform mit grundlegenden theatralischen Merkmalen, da er an einen begrenzten Raum und eine bestimmte Zeit gebunden ist, seine Bühne das Stadion ist, seine Akte die Halbzeiten sind und es bei ernsteren Dramen zu Verlängerungen kommt. Zwar gibt es in der Aufführung stereotype dramaturgische Elemente wie die Choreografien bei Eckbällen oder Freistößen, doch der Verlauf eines einzelnen Spiels ist dennoch völlig unvorhersehbar. Nach ihren ungeschriebenen Regeln muss sie immer einige theatralische Pflichtelemente enthalten, wie die sich ebenfalls wiederholenden Choreografien der Torjubel, die Trauer nach verpassten Chancen sowie die häufigeren und spektakuläreren Kunststücke nach Freistößen. Darüber hinaus ist es auch ein erzählerisches Genre, ein Heldenepos oder eine lyrische Tragödie, kann aber in einem Augenblick zur Burleske werden, die sich schließlich in ein Passionsspiel verwandelt, also zu einer profanen Leidensgeschichte. Während der Übertragung mal eine Ode, mal ein Epos, mal ein ergreifender Monolog, gelegentlich auch ein zur Komödie neigendes Absurd. Kurzum: Jedes einzelne Spiel ist ein Theaterstück, das vor unseren Augen entsteht, sei es ein Triumph mit Happy End oder eine Tragödie, die das Herz berührt. Das heißt, Fußball ist letztendlich und in jedem Fall poetisch, wie jede Leidenschaft. Man kann gar nicht anders darüber sprechen.

Im Jahr 2022 wurdest du Chefredakteur von „Kortárs Online“. Wie bist du dazu gekommen?

Früher habe ich Literaturrezensionen für die Zeitschrift „Kortárs“ verfasst, dann wurde ich gebeten, eine Reihe von Fotokritiken für die Online-Ausgabe der Zeitschrift zu schreiben. Dort wurde ich zunächst Mitglied der Redaktion und später deren leitender Redakteur. Seitdem koordiniere ich die gesamte Arbeit der Online-Redaktion. „Kortárs Online“ arbeitet parallel zur gedruckten Ausgabe, jedoch eigenständig, da es ein ganz anderes Genre vertritt: Es veröffentlicht täglich Kritiken, Berichte, Essays und Interviews aus allen Kunstsparten, also auch aus den Bereichen Film, Musik und Theater, während „Kortárs“ eine monatlich erscheinende Zeitschrift für Belletristik und bildende Kunst ist. Die in KO erscheinenden Artikel sind geradezu kaleidoskopartig, da wir die Themen nicht eingrenzen, sondern offen sind für alle zeitgenössischen kulturellen Phänomene. Um nur einige Beispiele zu nennen: In letzter Zeit haben wir über die neue Ausstellung von István Nádler und das neueste Album der Band „Esti Kornél“ geschrieben, aber es entstanden ebenso Artikel über Opernpremieren und zeitgenössische Krimis sowie über den Siegeszug immersiver Ausstellungen wie auch in unserer „Cybertext“-Reihe über ästhetische Fragen der neuesten Videospiele oder über Anime-Serien.

Für uns ist in erster Linie wichtig, welche Fragen die Kunstwerke und künstlerischen Phänomene aufwerfen und in welchem Kontext wir diese interpretieren können. Deshalb haben wir beispielsweise bereits über den Film „Barbie“ im Zusammenhang mit Marketingfilmen geschrieben, anschließend über die Zusammenarbeit zwischen Lady Gaga und dem Louvre im Rahmen der neuesten Museumstrends oder über die kunsthistorischen Aspekte der „Kádár-Würfel“. Aber wir haben auch feste Artikelserien, wie zum Beispiel Beiträge zur Kinder- und Jugendliteratur oder die Literaturreihe „Leporoló“, die vergessene Klassiker neu beleuchtet; außerdem berichten wir regelmäßig über Ausstellungen von Künstlerinnen. Zuletzt startete László Halper eine Artikelserie über die Geschichte der Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts, vom Ragtime bis zur Neuen Welle. Eine unserer erfolgreichsten Themenreihen ist die Serie mit Interviews aus der Filmbranche, aus der wir 2024 einen Sammelband mit dem Titel „Csapó! Berufe hinter den Kulissen“ veröffentlichen konnten. Darin versuchen wir, den beruflichen Hintergrund einer der angesagtesten Kreativbranchen zu beleuchten – vom Location-Scout bis zum Intimitätskoordinator. Schon an dieser kurzen Aufzählung kannst du erkennen, dass diese Art von redaktioneller Arbeit alles andere als langweilig ist – ganz im Gegenteil.

Du leitest also die Online-Ausgabe einer der bekanntesten Kulturzeitschriften unserer Zeit, die in den vergangenen fast 70 Jahren Künstlern wie Ágnes Nemes-Nagy, János Pilinszky, Miklós Mészöly oder auch Sándor Csoóri als Publikationsplattform diente. Das ist neben der Ehre natürlich auch eine große Verantwortung. Wie gehst du damit um? Ist es eine Belastung? Oder eher das Gegenteil?

Das ist in der Tat eine große Ehre, und ich werde versuchen, dieser Würde gerecht zu werden. Vor einigen Jahren habe ich eine Reihe ins Leben gerufen, in der wir die mit dem „Kortárs“-Preis ausgezeichneten Autoren, die gerade ein Jubiläum feiern, beglückwünschen oder ihrer gedenken, indem wir an die Texte erinnern, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Zeitschrift „Kortárs“ von ihnen erschienen sind, sowie Texte über ihre Werke aus den vergangenen Jahrzehnten in Erinnerung rufen. Auch mich hat es überrascht, welche erstaunlichen Schätze ich in diesen Online-Gedenkschriften wiedergeben kann, indem ich beispielsweise aus den Texten von Nándor Gion, József Tornai, István Ágh, Imre Oravecz, János Marno, László Marsall, Gáspár Nagy, Tibor Zalán oder sogar Gáspár Gróh zitieren kann. Ausgehend davon und mit Blick auf diese Autoren kann unser Maßstab nur die Qualität sein, nichts anderes. Wir sind uns natürlich bewusst, dass wir damit leider niemals populär werden, da das, was wir veröffentlichen, nichts Sensationelles ist und auch nicht schnell und leicht zu verdauen ist – aber wir müssen ja auch nicht mit der Boulevard-Mittelmaßigkeit konkurrieren. Unser Maßstab ist, dass das, was bei uns erscheint, auch nach Jahrzehnten noch genauso gültig ist. Und das spiegelt sich glücklicherweise auch bei „Kortárs Online“ wider, da unsere Beiträge von vor Jahren fast nichts von ihrer Aktualität verlieren und jederzeit wieder gelesen werden können.

Inmitten des enormen Lärms der Online-Welt (entschuldigen Sie bitte das hier passende Klischee) – wie groß ist heute der Kampf, kulturelle Plattformen zu betreiben, in der Hoffnung auf möglichst hohe Leserzahlen? Verfügen Sie über eine stabile Leserschaft? Besteht ein aktiver Austausch mit anderen Kulturzeitschriften, die im Online-Bereich tätig sind? Was die Autoren betrifft, scheint eine parallele Zusammenarbeit mit den Zeitschriften ganz natürlich zu sein. Ist die Situation bei den Redakteuren ähnlich? Oder siehst du das alles von vornherein anders?

Ich sehe das insofern anders, als es sich hierbei nicht um einen Kampf handelt, sondern um ein kontinuierliches gemeinsames Nachdenken und Aufbauen. Das bringt natürlich interessante Herausforderungen in der sich ständig verändernden Online-Welt mit sich, auf die wir mit mehr oder weniger großem Erfolg zu reagieren versuchen, soweit es unsere Möglichkeiten zulassen. Am besten beschreibt vielleicht der Begriff der „Aufmerksamkeitsökonomie“ den Wettbewerb um die Leser, an dem wir uns jedoch nicht beteiligen wollen. Dieser Wettbewerb findet zudem gar nicht mit ähnlichen Portalen statt, sondern mit der alles überschwemmenden und sich wie ein Virus ausbreitenden Flut gedankenloser Impulse, die den Menschen endlos die leeren Memes der Online-Welt vor die Augen spült. Dies zeigt sich besonders eindrucksvoll in den sozialen Medien. Die Leserschaft ist auch für uns wichtig, aber wir streben keine Massenleserschaft an, sondern möchten unsere Artikel jenen Lesern zugänglich machen, die sich über die Oberfläche hinaus auch für den Hintergrund künstlerischer Phänomene interessieren.

Die Blasen künstlich aufgeblasener Schnell-Sensationen haben nichts mit unserer Welt zu tun, da sie lediglich darauf abzielen, primitive emotionale Reaktionen auszulösen, und nicht darauf, zum Nachdenken anzuregen. Die Algorithmen von Internet-Suchmaschinen und sozialen Plattformen belohnen hingegen quantitative Kennzahlen, also jene Inhalte, die am schnellsten oder die meisten Reaktionen und Klicks generieren – doch Qualität ist kein Beliebtheitswettbewerb. Um meine beiden Lieblingsbeispiele zu nennen, die ich bereits früher in einem Essay über Bücher beschrieben habe: und das gilt auch heute noch: „Wenn wir nur die Verkaufszahlen betrachten, dann ist das beliebteste Gericht der Welt der Hamburger bestimmter Fast-Food-Ketten, aber das sollten wir noch lange nicht als Gastronomie bezeichnen, da es sich lediglich um ein Massenprodukt der Lebensmittelindustrie handelt, das vielleicht zum Verzehr, aber für Geschmackserlebnisse völlig ungeeignet ist – wenn man es überhaupt als Lebensmittel bezeichnen kann. Ebenso sagen der finanzielle Erfolg oder Misserfolg der gerade aktuellen Hollywood-Kassenschlager und die unter den Studios untereinander verteilten Oscar-Preise sagen absolut nichts über ihren künstlerischen Wert oder dessen völliges Fehlen aus, da sie ja gerade dazu geschaffen werden, auf den Fließbändern der Filmfabriken die Bedürfnisse eines möglichst breiten Publikums zu bedienen.”

Trotz alledem sind wir sehr stolz darauf, dass „Kortárs Online“ seit fast 15 Jahren auf soliden Beinen steht und eine stetig wachsende Leserschaft hat. Das liegt auch daran, dass wir über sehr vielfältige Themen schreiben – von japanischen Animes bis hin zur Oper in Miskolc – und dadurch ganz unterschiedliche Lesergruppen ansprechen können.

Sowohl die Eierabend, sowohl die Gemeinsamer Nenner Spannende Experimente in der Welt des Radios und der Kultur-Podcasts. Wenn du Lust hast, weih uns doch ein. 

Der Podcast „Közös Nevező“ entstand als zweite Staffel der KO-Gesprächsreihe mit dem Ziel, unsere vielfältigen schriftlichen Kulturinhalte auch als Audioinhalte zugänglich zu machen. Wir haben versucht herauszufinden, wie wir unter Wahrung der traditionellen Werte von „Kortárs“ auf neuen Plattformen wie Spotify, iTunes, SoundCloud oder YouTube präsent sein können. Und schließlich sind diese etwa 45-minütigen Gespräche, die mit stets wechselnden Teilnehmern aufgezeichnet wurden, sehr vielfältig geworden, da darin Themen wie künstliche Intelligenz, Lehrerausbildung, der Spielwissenschaften, der Verbindung zwischen Kriegen und Kunst, aber auch über Filme verschiedener Genres, wie zum Beispiel Gerichtssaal-Dramen oder postapokalyptische Filme. Wir haben uns klargemacht, dass „Kortárs Online“ tatsächlich Tag für Tag auf der Suche nach wertvollen Inhalten ist, und davon versuchen wir, den Lesern – und nun auch den Zuhörern – auf möglichst vielen Plattformen so viel wie möglich zu präsentieren.

„Tojáséj“ ist eine Gesprächsreihe, die alle zwei Wochen am Sonntagabend auf Mária Radio ausgestrahlt wird, die von der Forschungsgruppe für moderne Lyriktheorie und Lyrikgeschichte unter der Schirmherrschaft des Lehrstuhls für Ungarische Literaturwissenschaft der Pázmány-Péter-Katholischen Universität produziert wird und sich mit der ungarischen Lyrik befasst. Diese Forschungsgruppe, deren Gründungsmitglied ich zusammen mit mehreren ehemaligen Kommilitonen und Freunden bin, ist unter der Leitung von Dr. Kornélia Horváth bereits seit 2008 tätig und hat nach der Veröffentlichung mehrerer Sammelbände, Monografien sowie der Organisation zahlreicher wissenschaftlicher Konferenzen in diesem Jahr diese Reihe von populärwissenschaftlichen Radiosendungen gestartet, die sich an alle richtet, die sich für die Schönheiten der ungarischen Literatur interessieren. In den ansonsten kurzen, 20-minütigen Sendungen diskutieren hier stets wechselnde Teilnehmer – Hochschul- und Sekundarschullehrer, Doktoranden und Forscher – über Themen wie die Gedichte von Sándor Weöres, Pilinszky oder Ágnes Nemes Nagy, die Psalmverse von István Vörös oder den Zyklus „Öt seb“ von János Lackfi; ich selbst habe zuletzt im Zusammenhang mit dem Gedicht „Mese az álomgólról“ von Balázs Szálinger über Fragen des Fußballs und des Glaubens gesprochen. In dieser Radiosendung war es unser Ziel, den Hörern die Perlen der ungarischen Literatur anhand der neuesten Forschungsergebnisse, vor allem aber auf leicht verständliche Weise näherzubringen. Sollte jemandes Interesse geweckt werden, so sind diese Gespräche für jedermann zugänglich und können im Online-Archiv von Mária Rádió nachgehört werden.

Wo wohnst du derzeit und womit beschäftigst du dich derzeit am meisten? Und womit beschäftigst du dich, wenn du gerade nicht arbeitest – wie erholst du dich?  

Vor kurzem haben wir die Renovierung unseres alten Hauses abgeschlossen, sodass wir nun endlich wieder vollständig in die Széchenyi-Straße zurückgezogen sind. Das war ein langwieriger Prozess, bei dem es uns besonders wichtig war, so viel wie möglich vom ursprünglichen Charakter des Hauses zu bewahren und wiederherzustellen, während wir gleichzeitig das Ganze modernisieren. Derzeit habe ich glücklicherweise reichlich Arbeit, da „Kortárs Online“ eine feste Aufgabe darstellt. Das ist jedoch eine sehr bereichernde Beschäftigung, und ich versuche, jede Minute davon zu genießen. Der einzige Nachteil ist, dass man solche redaktionelle Arbeit nur vor dem Computer erledigen kann, deshalb gehört ein ausgiebiger Spaziergang für mich ebenso zu meinen täglichen Bedürfnissen, wie ich es kaum erwarten kann, nach Feierabend endlich loszuziehen und irgendwo in den Wäldern umherzustreifen. Letztendlich fühle ich mich dort zu Hause, zwischen Büchern und Bäumen.

Das Interview wurde im Auftrag von Visegrád TDM geführt:
Róbert Fagyas

09.10.2025​​​​​

Suche unter Web-Kamera Programmkalender Kontakt
×

Suche auf der Seite Visit Visegrad